Julian Reichelt Interview

BILD-Boss Julian Reichelt: "Deutsche sind nicht bereit für besseres Fleisch mehr zu bezahlen"

Julian Reichelt Interview

Vor kurzem hat die BILD-Zeitung „Deutschlands beste Bratwurst“ gekürt. Auf die Idee kam Chefredakteur Julian Reichelt, selbst leidenschaftlicher Griller, höchstpersönlich. Da ich in der vierköpfigen Jury sitzen durfte war ein nahe liegender Gedanke: Frag‘ doch den BILD-Boss einfach, ob er dir nicht ein Interview zum Thema „Grillen“ geben mag. Und siehe da: Der vielbeschäftigte Chefredakteur nahm sich in seinem Büro, hoch über den Dächern Berlins, Zeit. Und spricht über sein Lieblingsfleisch, erklärt warum er welchen Grill besitzt, erzählt welches Lieblingsrezept er von seinen Auslandsreisen als Kriegsreporter mitgebracht hat und hält fest: Deutsche sind nicht bereit mehr Geld für besseres Fleisch auszugeben.

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Julian, du musst dich um so viele brennende Themen in Politik kümmern – wie kommt man da auf die Idee „Deutschlands beste Bratwurst“ zu küren?

Julian Reichelt (BILD): Für BILD ist wichtig, was für BILD-Leser, Zuschauer und User wichtig ist. Und Grillen, besonders im Sommer, aber eigentlich auch das ganze Jahr hindurch, auch die Bratwurst, das richtige Fleisch, wie grillt man, auf welchem Grill grillt man – das interessiert die Menschen. Das Thema Fleisch ist ein riesen Thema. Wie viel gebe ich dafür aus? Wie viel kostet eine fabelhafte Bratwurst? Mehr als vom Discounter?

Es gibt unendlich Themen, die die Menschen bewegen. Und nirgendwo verbringen die Deutschen im Sommer soviel Zeit wie am Grill.  Das was gegrillt wird ist ja nicht immer Industrieware sondern teilweise geradezu ein Kunstwerk, das in einem wundervollen Handwerk über Generationen weitergegeben wird. Und dass es dieses Handwerk eben auch gibt, und nicht alles Fleisch Massenproduktion ist, sondern Produkte, über die sich Menschen große Gedanken machen, das wollten wir mit der BILD-Bratwurst des Jahres würdigen. Und unseren Lesern sagen „Schaut mal was für tolle Produkte es gibt".

Wie muss eine perfekte Bratwurst für dich schmecken?

Julian Reichelt (BILD): Da habe ich heute einiges gelernt. Ich war ja heute bei dem Event auch teilweise dabei. Und ich habe heute etwas übers warme Fleisch gelernt. Das war mir nicht bewusst. Und ich habe heute eine grobe Bratwurst aus warmer Verarbeitung probiert, die sensationell köstlich war. Ein Geschmackserlebnis. Ganz anders als die Bratwurst aus dem Fußballstadion. Sondern ein wirklich durchdachtes, komponiertes großartig zubereitetes Geschmackserlebnis. Das hat mich tatsächlich fasziniert, weil man daran das Handwerk erkennt und die Mühe, die sich Menschen damit gemacht haben.

Du warst jahrelang als Auslandsreporter im Einsatz – hast du da irgendwelche Rezepte mit nach Haus gebracht?

Julian Reichelt (BILD): Nicht für Bratwurst. Dort wo ich unterwegs war haben wir tatsächlich viel BBQ gemacht. Besonders in Syrien, da gab es meist Lamm. Auch Lammwürste. Ich habe aber auch andere Rezepte von diesen Auslandsreisen mitgebracht, die aber weniger mit Fleisch zu tun haben.

Mein Lieblingsrezept, ein ganz einfaches, das auch köstlich zu Fleisch schmeckt und im Sommer sehr erfrischend ist nennt sich „Syrisches Rührei“: Dabei schnappt man sich griechischen Joghurt und zerstampft frische Minze darin. Ein wenig Knoblauch hinzu, ein bisschen Olivenöl. Dann das Rührei ein wenig auskühlen lassen, rein in den Joghurt, umrühren, fertig – schmeckt absolut köstlich!

Wie sieht es bei Dir privat in Sachen Grillen aus? Hast Du hier für Zeit?

Julian Reichelt (BILD): Ich habe mir dieses Jahr einen Grill gekauft. Einen Elektrogrill. Und zwar, ich sage das nicht als Werbung denn ich habe ihn auch voll bezahlt und nicht günstiger bekommen, einen Weber Pulse 2. Einen Elektrogrill deshalb, weil ich einen Balkon habe und die Nachbarn nicht mit Kohle belästigen möchte und auch nicht darf. Gasflaschen darf ich auch nicht auf dem Balkon haben. Deswegen diesen Grill, den ich fabelhaft finde.

Ich glaube, dass ich den Grill am 25. April gekauft habe – und jeden Tag, an dem ich zuhause war, habe ich darauf gegrillt.  Man kann Bratwürsten und Steaks aber auch Gemüse und Maiskolben oder Spieße grillen. Mein Balkon ist in den Sommermonaten wirklich zur Küche geworden.

Bist du jemand, der nach dem Grillen gleich den Rost säubert oder derjenige, der beim nächsten Grillen entdeckt, dass erstmal geputzt werden muss?

Julian Reichelt (BILD): Lust habe ich da gar keine drauf, aber ich mache es dennoch einigermaßen regelmäßig. Ein wenig säubern muss man. Aber das Seasoning auf dem Grill hat schon nochmals eine besondere eigene Geschmacksnote. Putzen ja, aber nicht chemisch reinigen. Das ist mein Nach-Grill-Putz-Motto.

Und wie steht es um die Grillkünste von Julian Reichelt? Welche Schulnote würdest Du Dir geben?

Julian Reichelt (BILD): Also was Steaks angeht tatsächlich zwischen 1 und 2. Was Bratwürste angeht hätte ich mich noch höher eingeschätzt aber heute habe ich gelernt, dass das andere Leute schon nochmal deutlich besser können als ich.

Von wem hast Du das Grillen gelernt?

Julian Reichelt (BILD): Was heißt gelernt? Auf alle Fälle verfeinert habe ich es mit oder besser gesagt durch meinen großartigen Kollegen Michael Quandt (Leitender Redakteur bei BILD und BILD-Grillboss, d. Red.). Er hat an internationalen Grillwettbewerb teilgenommen und auch ein großartiges Buch mit dem Titel „Du grillst es doch auch“ geschrieben hat. Er ist leidenschaftlicher Grill- und Fleischexperte. Und das haben wir heute auch gesehen: Grillen wird besser, wenn man gutes Fleisch verwendet.

Die Frage, deren Antwort oftmals die BBQ-Welt spaltet: Gasgrill oder Kohlegrill?

Julian Reichelt (BILD): Für mich es zuhause eben Elektro. Aber ich muss zugeben, dass ich geschmacklich keinen wirklichen Unterscheid zwischen Gas und Kohle ausmachen kann. Zumindest nicht nach den Standart-Grill-Methoden. Es gibt sicherlich noch verfeinerte Kohle oder verfeinerte Grills. Und natürlich hat Rauch und Feuer immer noch eine besondere Geschmacksnote. Und unabhängig vom Grill auf meinem Grill auf dem Balkon bin ich beim Setup eher bei Gas.

Ich weiß aber, dass wenn unser Michael Quandt grillt und paar Tricks kennt, die ich nicht drauf habe, Kohle schon etwas sehr Besonderes ist. Und was man beim Grillen nicht vergessen darf: es ist ja auch immer ein großartiges archaisches Gefühl ein Feuer zu machen. Und darauf ein Essen zuzubereiten. Gas macht auch Feuer, aber natürlich ist das Feuer von Kohle nicht zu toppen.

Gibt es Grillgut, das bei Dir Rost-Verbot hat?

Julian Reichelt (BILD): Abgesehen von Bratwürsten grille ich ansonsten kein Schweinefleisch.

Und Gemüse?

Julian Reichelt (BILD): Das schon – am allerliebsten Maiskolben.

Welches Gericht kannst Du perfekt zubereiten?

Julian Reichelt (BILD): Am Ende handelt es sich dabei um gar kein Gericht. Denn wenn es um ein Gericht, dann geht’s hier ums Verfeinern und da um diese Beilage. Das was ich am liebsten mache ist Dry Aged American Greekstone Filet. Und zwar medium gegrillt. Und dann stehe ich sehr gerne mit Freunden auf dem Balkon und schneide mehrere Stücke in kleine Scheiben. Jeder hat eine Gabel und darf zugreifen.

Abschließend noch eine Frage: Was ist die Meinung von Julian Reichelt zum Fleisch vom Discounter?

Julian Reichelt (BILD): Ich bin sehr froh, dass Discounter inzwischen entdeckt haben, dass sie die Produktionsbedingungen vom Fleisch im Auge behalten müssen. Dass sie hierfür Verantwortung haben. Dass sie gesehen haben, dass Menschen, die zum Discounter gehen auch mal höherwertiges Fleisch haben wollen. Wenn man über Fleisch vom Discounter spricht muss man aber eine Sache ganz klar sagen: Discounter verkaufen was Menschen wollen. Und was Menschen kaufen.

Neulich habe ich mich mit zwei Vertretern eines sehr großen Discounters in Deutschland unterhalten. Und die haben wir erzählt, dass die Preissensibilität bei Fleisch am höchsten ist. Und zwar sind wir beim Faktor 1 – was übersetzt heißt: Wenn ich mit dem Preis um 10 Prozent rauf gehe, geht die verkaufte Warenmenge um 10 Prozent runter. Was wir in der Politik oft hören, dass Leute bereit sind für besseres Fleisch zu bezahlen, ist einfach nicht wahr.

Die Leute wollen in großen Mengen genau das Fleisch, was beim Discounter genau zu dem Preis angeboten wird. Und deshalb finde ich es nicht ganz aufrichtig da immer nur auf den Discounter zu schauen. Wenn wir in der Masse besseres Fleisch wollen, dann müssen wir bereit sein für besseres Fleisch zu bezahlen. Und diese Bereitschaft existiert schlechtweg nicht.

Weil es teilweise gar nicht machbar ist…

Julian Reichelt (BILD): Ich glaube schon, dass viele Dinge machbar sind. Wir sind aktuell mitten im Atomausstieg. Das wäre früher undenkbar gewesen, dass wir aus der Atomenergie oder fossilen Brennstoffen insgesamt aussteigen. Und setzen nur noch auf regenerative nachhaltige Energien. Man könnte natürlich sagen, dass wir über einen gewissen Zeitraum aus der Massentierhaltung aussteigen. Weil das nicht das ist was wir wollen. Energie wird durch den Atomausstieg vermutlich auch teurer. Und so würde dann auch Fleisch teurer werden.

Und es gibt ja, so behauptet es die Politik immer, dafür einen gesellschaftlichen Konsens. Ich glaube nicht, dass es ihn gibt. Es wäre aber dann an der Politik die Menschen zu überzeugen, dass es richtig ist Tiere auf eine gewisse Weise zu behandeln bevor man sie schlachtet. Dass wir ebene gewisse Dinge nicht mehr wollen. Dass wir gewisse Arbeitsverhältnisse auch nicht mehr wollen unter denen Tiere geschlachtet werden. Und das Fleisch dadurch eben teurer wird.

Und dann werden die Wähler darüber entscheiden ob sie das wollen. Aber bis dahin sollten wir nicht immer ausschließlich an den Leuten, die uns das Fleisch verkaufen, den Fehler finden.

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Bildcredit: Julian Reichelt privat / Fotomontage: Anja Auer

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